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  • AutorenbildAnne Amaru

Alkohol im alten und neuen Peru

Aktualisiert: 10. März 2023

Peru ist eines der vielfältigsten Länder mit vielen Kulturen und Traditionen. Alkohol war und ist eines der großen sozialen Vehikel und eine gesellschaftlich als auch gesetzlich erlaubte Droge. Der Alkoholkonsum als Ritual war in den Anden immer schon sehr wichtig, das gemeinsame Trinken festigt die Bande zwischen den Menschen.


Die Trunkenheit in den Anden

ist in der Regel an das Fest gekoppelt und findet nicht jeden Tag statt, wie das z.B. in mediterranen Ländern der Fall ist, das Sichbetrinken ist mit besonderen Zeitpunkten verbunden, wie der Aussaat, der Ernte und der Hochzeit. Man ist damit Teil der großen Gemeinschaft.

Religion und Alkohol

Diese Art der Feiern bringt aber nicht nur Menschen mit Menschen zusammen, sondern verbindet die Menschen auch mit den Heiligen. Bei Glaubensfesten spielt Alkohol sowohl heute als auch früher eine große Rolle. Im vor-spanischen Peru wurden die Mumien von den Inkas aus den Gräbern geholt und mit ihnen getrunken. Und heutzutage geht man Allerheiligen auf die Friedhöfe, um dort mit den Toten zu trinken und zu tanzen.


In den letzten Jahrzehnten sind viele Männer und Frauen in den peruanischen Anden zum "Protestantismus" konvertiert (ein Oberbegriff, mit dem die Katholiken die evangelischen Kirchen hier bezeichnen). Diese Konversion verlangt, dass sie das Kauen von Kokablättern und den Konsum jeglicher Art von alkoholischen Getränken vollständig aufgeben, auch das Tanzen ist untersagt.


Man prostet sich mit Chicha de Jora (dem Lieblingsgetränk der Inkas), Cañazo (Zuckerrohrschnaps) und Bier zu.


Da es sich um ein starkes Getränk handelt (oft über 40 %iger Alkohol), ist Cañazo länger haltbar als Bier und insbesondere Chicha. Aus diesem Grund wurden diese fermentierten Getränke, die früher für Feste und Feiern verwendet wurden, damit ersetzt. Außerdem kostet er weniger als Bier oder Chicha: Eine 500-ml-Flasche echter Cañazo kostet normalerweise nicht mehr als 10 Soles (ca. 2.38 Euro).


Natürlich hat dieser Alkoholkonsum zum Teil schwere Folgen, zumal Zuckerrohrschnaps schnell zur geistigen und körperlichen Abhängigkeit führt. Der "Aguardiente de Caña" wird in Plastikflaschen abgefüllt verkauft, in den vorher Limonaden verkauft wurden. In dem Ort, wo wir lebten, werden u. a. Düngemittel (Urea) untergemischt, um das Gesöff zu strecken und noch billiger zu machen. Ich habe Menschen gesehen, bei denen dieser Konsum zum körperlichen Verfall führte, die Abhängigen mit ihren roten Augen und vom Alkohol gezeichneten Gesichtern sind leicht zu erkennen.


Anders als in Deutschland findet dieser Konsum hier nicht hinter verschlossenen Türen statt. Am Morgen gehen die Abhängigen in unserem Dorf keinen Kaffee trinken, sondern zum Alkohol einkaufen. Der hochprozentige Schnaps wird auch viel auf den Feldern bei der Arbeit getrunken, um die oft schwere körperliche Arbeit zu erleichtern und gegen die Kälte in der Höhe. Nicht selten sieht man betrunkene Männer auf der Landstraße nach Hause torkeln. Daraus können gefährliche Situationen entstehen, da die Autos mit 80 km/h und mehr an ihnen vorbeifahren.

Der erste August ist der "Dia Mundial de la Madre Tierra"

Am "Mutter-Erde-Tag" versammeln sich die Männer und Frauen der Hochanden-Gemeinden zu einer Zeremonie, bei der in ein ca. 50 tiefes und 100 cm breites gegrabenes Loch Opfergaben und Geschenke für die Mutter Erde, "Pachamama", gelegt werden. Die Geschenke werden in eine Wolldecke oder "Lliclla" eingewickelt. Dabei werden tierische Föten verwendet, in der Regel von Lämmern, Alpakas oder Lamas. Sie sollen die Fruchtbarkeit symbolisieren. Bier, Essen, Koka-Blätter, Zigarren, Konfetti, Süßigkeiten und Kekse kommen mit dazu.

Man will "Pachamama" etwas zum Essen, Trinken und Rauchen bringen. Am Ende der Zeremonie wird Holz oder Brennholz in das Loch gelegt, alles verbrannt und mit Erde bedeckt. Während der gesamten Zeremonie trinken die Menschen Bier, essen typische Gerichte und feiern mit Tänzen und Musik.

Chicha de jora

Die "Chicha de jora" (in Quechua "Aqha") ist ein fermentiertes Getränk, das nicht nur in Peru, sondern auch Bolivien und Ecuador verbreitet ist. Je nach Region gibt es verschiedene Sorten, aber die Zubereitung erfolgt hauptsächlich aus Jora, d. h. aus gegorenem Mais. Die Chicha war das einzige alkoholische Getränk im Inka-Reich, das bei Zeremonien, Ritualen und in der Gesellschaft verwendet wurde. In den Zeiten der Eroberungen tranken die Inkas Chicha aus den Totenschädeln ihrer Feinde, um ihren Sieg zu bekräftigen.

Später berichten spanische Chronisten ausführlich vom krankhaften Alkoholmissbrauch, der auf den traumatischen Einfluss der Eroberung zurückzuführen gewesen sein soll.

Feste zu feiern hat auch die Bedeutung der Belohnung der Menschen, wobei der Alkohol in früheren Zeiten vom Staat rationiert wurde, da Mais eine kontrollierte Kulturpflanze war.

Die Inkas zwangen ihre Kinder, Alkohol zu trinken und Kokablaetter zu konsumieren, bevor sie sie opferten

Dies wurde bei der Haaranalyse mehrerer Mumien, die 1999 in Steingräbern in Argentinien gefunden wurden, nachgewiesen. Forscher der Universität Brandford erklärten, dass die Kokablätter, die beim Kauen ein leichtes Stimulans freisetzen, bei der Bewältigung der Folgen der Höhe helfen sollten und Alkohol in Form von Chicha den Kindern verabreicht wurde, um mit der Kälte in der Höhe fertig zu werden. Der Konsum dieser Substanzen war zudem Teil einer Reihe von Ritualen, die den Mädchen, die wohl 12 Monate vor ihrem Tod für die Opferung ausgewählt wurden, gegeben wurden.


Der Streit um den Pisco Sour

Der peruanische Pisco ist eine Herkunftsbezeichnung für das aus Trauben destillierte alkoholische Getränk, das seit dem 16. Jahrhundert in Peru hergestellt wird.

Seit 18 Jahren feiert man den "Tag de Pisco Sour" in Peru. Die Herkunft des Getränks aus Pisco, Limone, geschlagenem Eiweiß und Eiswürfeln ist jedoch umstritten. Seit seiner Entstehung gibt es in ganz Südamerika, insbesondere zwischen Peru und Chile, eine Debatte darüber, welches Land ihn erfunden hat. Diese Kontroverse erreichte sogar die internationalen Gerichte. Am Ende konnte sich Peru bei mehreren Wettbewerben durchsetzen, so auch im Jahr 2019, als Indien das Andenland als Ursprungsland des Cocktails anerkannte.


Mehr als 1,7 Millionen Peruaner sind heute alkoholabhängig

Dies ergab eine 2017 durchgeführte nationale Studie des "Cedro" - "Centro de Información y Educación para la Prevención del Abuso de Drogas (Informations- und Bildungszentrum für die Prävention von Drogenmissbrauch). Die Cedro ist eine private, gemeinnützige peruanische Organisation, die sich der Vorbeugung und Aufklärung der Bevölkerung über den Drogenkonsum widmet und das Bewusstsein durch Massen-Kommunikations-Strategien und Kampagnen schärfen möchte.


In Peru ist der Verkauf an Jugendliche unter 18 Jahren offiziell verboten und auf jeder Flasche steht, das der übermäßige Konsum der Gesundheit schadet.



Der peruanische Staat verfügt nicht über ausreichende Kapazitäten für die Behandlung von Menschen mit Alkoholproblemen. Wenn man die Zahlen sowohl für den legalen als auch für den illegalen Drogenkonsum zusammenzählt, benötigten mehr als drei Millionen Menschen eine Behandlung. Die technische Unterstützung und die Ausbildung von Tutoren, Schul- und Hochschullehrern, die Aufklärung der Eltern in Bezug auf die Früherkennung und Intervention bei Alkoholmissbrauch muss intensiviert werden.

Bier ist das Lieblingsgetränk der Peruaner

Unter den alkoholischen Getränken, die von den Peruanern am meisten konsumiert werden, führt Bier die Liste an (47 Liter pro Person), gefolgt von Wein (1,5 Liter pro Person) und Spirituosen (ca. 1 Liter pro Person). Der hohe Bierkonsum hat wirtschaftliche Auswirkungen. So beläuft sich der Umsatz auf dem nationalen Biermarkt auf jährlich 4.000 Millionen S/., eine Zahl, die in den letzten Jahren weiter gestiegen ist. 2019 gab ein Peruaner durchschnittlich S/ 428.50 (ca. 100 Euro) pro Kopf für Bier aus, und das bei einem Durchschnittseinkommen von 341 Euro.

Im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern nimmt Peru hier noch eine moderate Position ein. In Brasilien liegt der Pro-Kopf-Verbrauch bei über 80 Litern pro Jahr, in Venezuela bei mehr als 100 Litern. In den europäischen Ländern liegt der Durchschnitt bei über 120 Litern!


Die versteckte Pandemie

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jedes Jahr circa drei Millionen Menschen an den Folgen ihres zu hohen Alkoholkonsums, das heißt alle 12 Sekunden tötet Alkohol einen Menschen auf der Erde. Zum Vergleich: An Covid starben seit Beginn der Pandemie 2020 5.96 Millionen Menschen. Alkohol ist der Auslöser für über 200 Krankheiten und Störungen. Aus diesem Grund ruft die WHO jedes Jahr am 15. November den "Weltnichtalkoholtag" aus, um die Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren.


Nach neueren Berichten aus dem Jahr 2021 sei insgesamt ein Trend zu beobachten, wonach immer mehr junge Menschen die von der Anonymen Alkoholikervereinigung Perus angebotenen Hilfs- und Beratungsgruppen aufsuchen, darunter auch 14-jährige Jugendliche aus Lima und dem Landesinneren, die sich vom Alkoholismus betroffen fühlen.


Die Enge im Zusammenleben der Menschen während der Quarantäne löste weltweit und insbesondere in Südamerika ein riesiges Problem von pandemischem Stress und Depressionen aus. Viele Menschen begannen vermehrt psychotrope Mittel wie Alkohol zu benutzen, um die Realität ein wenig zu vergessen. Laut einer Cedro-Studie gaben 15 % der Peruaner zu, während der Quarantänezeit täglich oder jeden zweiten Tag Alkohol zu trinken.


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1 Comment


cooperaciones-con-el-sector-privado
Mar 29, 2022

Ein lesenswerter und m. E. gut recherchierter Beitrag, man mag es "verdeckte Pandemie" nennen, aber das Problem und Phänomen von Trunksucht ist -- im wahrsten Sinnen des Wortes -- offensichtlich und keineswegs auf Perú oder andere Länder LAs beschränkt.


Zu Pisco Sour: Egal was die 'Gelehrten' sagen, er kommt aus PE ... (Wer eine lebhafte Diskussion anstoßen will, muss nur das Gegenteil behaupten).

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